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Warum ich kein Tierschützer mehr sein möchte

Ich wünschte ich hätte nie die Tierliebe erfahren, denn dadurch musste ich auch die schlechte Seite der Menschen kennenlernen.

Ich liebe Tiere über alles. So wurde ich geboren. Dieses Gefühl war schon immer da. Es war vermutlich einfach mein vorbestimmter Weg, im Tierschutz zu landen. Vorsichtig, weil man so viel Leid eigentlich gar nicht sehen will, aber trotzdem geradlinig, immer weiter in den Tierschutz.

Hätte mir vor Jahren jemand gesagt, dass wir einen eigenen Verein gründen, hätte ich laut gelacht. Ich bin überhaupt kein Vereinsmensch. Bin genervt von Regularien und Statuten. Trotzdem ergab sich jeder Schritt ganz selbstverständlich aus den Erfahrungen und Erlebnissen. Nicht selten werde ich als blauäugig oder Idealist bezeichnet.

Kommentare wie: "denk doch mal an dich", "du belastest dich viel zu viel mit diesen Tieren", "du kannst doch sowieso nicht allen helfen", begleiten mich seit ich denken kann.

ABER, es gibt ja nun mal das Leid der Tiere und ich kenne es.

Diesen vielen geschundenen Seelen möchte ich helfen. Das Leid mancher Hunde ist tatsächlich manchmal nicht zu ertragen. Das einzige Mittel, welches dagegen hilft, ist zu versuchen, diesem Hund zu helfen. Ärmel hochkrempeln und los...

Doch was passiert jetzt?

Die Vermittlung beginnt und man hat unausweichlich mit Menschen zu tun, mit Interessenten.

Zu ertragen, wie rücksichtslos manche Menschen sind, fällt mir schwerer als alles andere.

Das Telefon schellt schon mal um 5 Uhr morgens und auch um 22 Uhr am Abend, natürlich am liebsten an Sonn- und Feiertagen, denn da hat man ja Zeit. Man hat ja nur mal eine "schnelle" Frage zu einem Hund.

Weist man darauf hin, dass einem der Zeitpunkt nicht passt, kommt: "Aber sie sind doch Tierschützer." Nimmt man sich die Zeit, so ein Gespräch dauert gut und gerne 1 - 2 Stunden, lassen die Interessenten anschließend nie wieder von sich hören. Mein Sonntag Vormittag ist gelaufen und besagter Interessent hat sich umfangreich informiert und ist zufrieden.

Bewerbungen auf einen Hund klingen nicht selten so: Ist der noch da, was kostet? oder Ich bin interessiert, was für eine Rasse ist das denn? oder Gibt es den auch als Mädchen? oder Suche ganz kleinen Hund der nicht haart. Haben sie sowas?

Ich könnte noch mehr Beispiele bringen, unterm Strich haben alle etwas gemeinsam: das Interesse an einem Hund ist nicht echt!

Wenn sich jemand ein neues Familienmitglied zulegen möchte, welches ihn für viele Jahre begleiten soll, nimmt man sich doch Zeit für die Anfrage, würde ich denken. Man möchte doch einen guten Eindruck machen, weil man hofft, den Hund am Ende adoptieren zu dürfen. Zumindest ticke ich so.

Aber nein, weit gefehlt. Viele Bewerber wollen am liebsten keinen Finger mehr krumm machen. Sie wünschen sich einen Hund mit einem enormen Anspruch an diesen. Die Fellfarbe, Felllänge, glatt oder lockig, die Größe, das Gewicht, Schwanz ja oder nein, Ohren stehend oder hängend - vielleicht am besten beides? - und selbstverständlich "sozialverträglich", womit gemeint ist: der Hund hat immer lieb zu sein. Lieb zu der aggressiven Katze die bereits im Haus lebt, lieb zu den Hamstern, zu allen anderen Hunden und natürlich lieb zu allen Menschen. Lieb auch zu Kindern, die den ganzen Tag am Hund rumspielen, weil die Mama zu gestresst ist, um sie davon abzuhalten.

Also bitte schön ein Hund, der uns keine Umstände macht.

Wenn ich Interessenten frage, welchen Anspruch der Hund denn an sie haben darf, kommt ein langes Schweigen. Ich kann es förmlich hören, wie darüber nachgedacht wird, was diese komische Tierschützerin meint.

Viele Leute kommen gar nicht mehr auf die Idee, darüber nachzudenken, ob sie dem Hund denn auch gerecht werden. Welche Wünsche der Hund an seinen Alltag hat.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass dieses Verhalten und Denken durch die Pandemie extrem zugenommen hat. Ist es salonfähig geworden, seinen Hund/sein Haustier wieder abzugeben? Ist es normal, dass der Urlaub einen höheren Stellenwert hat als der Hund?

Ich kenne viele Tierschützer. Sie alle werden zunehmend müder im Umgang mit den Menschen.

Viele Menschen scheinen zu glauben, wir machen das beruflich und bekommen etwas für unseren Einsatz.

Fakt ist, wir arbeiten in unserer Freizeit, um den Hunden zu helfen. Fakt ist auch, dass diese Arbeit so zeitintensiv ist, dass für nichts anderes mehr Zeit bleibt. Es gibt immer einen aktuellen Notfall und es gibt leider immer mehr anstrengende Menschen.

Nur weil man vor 30 Jahren als Kind mal einen Hund hatte, versteht man trotzdem noch lange nichts von Hunden.

Täglich das Leid vieler Tiere zu sehen, macht einem das Herz schwer. Aber damit kann ich umgehen, weil ich helfen kann.

Nicht ertragen kann ich jedoch die Dreistigkeiten so mancher Menschen. Es ist nicht zu viel verlangt, sich vor dem Kontakt mit einem Tierschutzverein Gedanken darüber gemacht zu haben, ob alle Gegebenheiten für die Anschaffung eines Hundes sprechen (Erlaubnis des Vermieters, ist genug Zeit für den Hund vorhanden, Bereitschaft für anfängliche Probleme, etc.).

Es ist nicht zu viel verlangt, ein paar zusammenhängende Sätze zu schreiben, wenn man sich für einen Hund interessiert. Es ist nicht zu viel verlangt, sich und seine Familie einfach mit ein paar netten Worten vorzustellen.

Es ist nicht zu viel verlangt, Verständnis dafür zu haben, dass wir alle auch ein Privatleben haben und nicht an Feier- oder Sonntagen anzurufen. Meine Eltern haben uns nach ihren Wertevorstellungen erzogen und regelmäßig mussten wir uns den Spruch: „Was du nicht willst das man dir tut, das füg auch keinem andern zu“ anhören. Nicht alles was früher war ist Old School. Wir Tierschützer machen alles ehrenamtlich und auf eigene Kosten. Wir machen das gern für die Hunde. Aber auch wir freuen uns auf einen unbeschwerten Tag mit der Familie. Danke für Ihr Verständnis!


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